Videofilm, 2004, 20 min

Titel: Eveline & Wolfgang

Videoportrait eines älteren Ehepaares

Ausgangspunkt war bei Eveline die Diagnose einer unheilbaren Krebserkrankung. Über 4 Jahr hinweg wurde mit der Videokamera der eingespielte Ehealltag der Beiden festgehalten, das Augenmerk lag auf der langsamen Veränderung der eingespielten Rollen. Waren es vormals ausschließlich Evelines Gesten und Taten im Umgang mit den alltägliche Handlungen, so übernahm Wolfgang – mit dem Wissen um den nahenden Tod, immer mehr die Herausforderung an, sich in eine neue und für ihn fremde Rolle einzufügen.

Doppelprojektion

Eveline & Wolfgang – Cocco & Marianne

Die für die Präsentation konzipierte Installation besteht aus zwei Videofilmen, die in den Jahren 2000 bis 2004 entstanden. Beide sind demselben Grundthema gewidmet – der Intimität zweier Paare, denen in einer langen Zeit des Zusammenlebens eine sprachlose Kommunikation in Gesten und Handlungen zu eigen werden konnte. Ihre in sich abgeschlossenen 'Geschichten' laufen parallel nebeneinander, werden in Zeitlupe erzählt. Die im Kreislauf stets neu generierten Sequenzen treffen, scheinbar zufällig, in immer wieder anderen Variationen aufeinander. Die aleatorische Vielfalt der an sich gleichbleibenden Konstanz der Bilder macht die Dichte der Thematik besonders eindringlich bewußt.

Eveline & Wolfgang sind die Eltern der Künstlerin. Als Eva Köstner im Jahr 2000 mit den Arbeiten an diesem Video begann, war bei ihrer Mutter gerade eine unheilbare Krebserkrankung festgestellt worden. Das tief in den Familienverbund eingreifende Ereignis stellte die Tochter nicht nur vor die Aufgabe, eine neue Rolle in der gewachsenen Gemeinschaft, als nun ihrerseits mütterliche Freundin, fürsorgende Begleiterin, Beschützerin schließlich Pflegerin der Kranken zu übernehmen, sondern löste in ihr auch den Wunsch aus, den über viele Jahre hinweg eingespielten Alltag der Eltern sowie dessen allmähliche Veränderung festzuhalten.

               Eveline und Wolfgang fegen einen Gartenweg. Wir sehen nur ihre Beine und die Besen in ihrer Hand. Der blaue von Eveline in jahrzehntelanger Gewohnheit sicher geführt; der rote von Wolfgang greift sichtlich zaghafter aus. Die  Füße des Paares; Wolfgangs auf Evelins ausgerichtet.

               Eveline säubert Wolfgangs Jacke. Resolut reibt sie mit einem Lappen über den gemustertenWollstoff, erst über den breiten Rücken, dann über Schultern und Vorderseite. Wolfgang steht ganz still und aufrecht, hebt, Mann und Sohn zugleich, in alter Gewohnheit die Arme. Zwei Hunde. Die Zufälligkeit ihrer Bewegungen im Kontrast zur Ruhe des Paars  im vertrauten Ritual.

              Gemeinschaftlich legen beide eine Decke über einen großen runden Tisch. Eveline bewegt sich mühsam, doch routiniert. Wolfgang beobachtet aufmerksam ihre Bewegungen. Versucht es ihr gleich zu tun. Es will ihm zunächst nicht recht gelingen. Er ist es, der die Handlung dauern läßt. Er lächelt schließlich zufrieden, als sie die letzten Falten glättet. Seine Hände umspannen mit einer kleine Schüssel eine kleine Weile den Luftraum über dem bedeckten Tisch.

               Das Paar auf Liegestühlen im Garten. Eveline ist sehr erschöpft. Unwillig ihr Kommentar in Gestik und Mimik, als Wolfgang mit großer Umständlichkeit sein Unterhemd dreht und wendet, es schließlich auf den Knien zurechtlegt, um es sich endlich überzustreifen, bevor er aufsteht.

               Wolfgang ist allein. Er trägt eine rosa-weiß karierte Schürze. Seine schier endlos währende Beschäftigung damit, zwei Anzüge über einen Bügel zu hängen. Das erste Jacket rutscht immer wieder ab. Dann später abermals, als er, in gefährlich unpraktischer Reihenfolge, die zweite, umständlich zusammengefaltete Hose darunter schiebt. Wolfgang strengt sich an. Es gibt immer wieder einen Neuanfang. Das zweite Jacket. Taschenkontrolle. Die Krägen werden glatt gestrichen. Alles säuberlich abgebürstet. Vorderseite, Rückseite, Vorderseite. Plötzlich die resolute Gestik Evelines in seinen Bewegungen.

                Wolfgang sortiert und ordnet sämtliche vorhandene Kissen auf einer Sofabank. Ihre Reihung folgt einem sichtlich feststehenden Konzept. Die Ordnung ist rasch hergestellt. Sein wuchtiges Vergnügen, als er mit kräftigen Handkantenschlägen ausholt, um, genau in der Mitte den richtigen 'Kniff' einzuprägen.  Er zupft die Kissenecken am Ohr. Tritt zufrieden zurück. Das Sofa allein, in all seiner übervollen Pracht 'männlich' arrangiert.

Cocco & Marianne sind das 'Paar' des zweiten Videofilms. Cocco, eine Freundin der Künstlerin, ist, ohne ihre Eltern, bei ihrer Großmutter Marianne aufgewachsen und wohnt auch heute noch mit ihr zusammen. Marianne ist mittlerweile über neunzig Jahre alt. Die beiden sind sich Familie und Freundinnen. Ihre vertraute Nähe macht sie zu einem vollkommen aufeinander eingespielten Team, das in seinem nonverbalen Umgang Altersgrenzen zu verwischen scheint.

                Mariannes aufrechter Oberkörper. Den Kopf konzentriert nach unten gebeugt, versucht sie, die Knöpfe ihres Mantels zu schließen. Ihre großen, von gewölbten Adern durchzogenen Hände nesteln steiff an den Lederschlaufen. Sie müht sich. Der Mantel sitzt schief; der obere Knopf steckt in der unteren Schlaufe. Nach einer langen Weile Coccos Arme, die das Bild durchkreuzen. Ihre glatte, helle Haut im Kontrast. Coccos Hände umschließen in ruhiger Wölbung die der Großmutter, lösen den falschen Knopf aus der Umschlingung. Die Bewegungen der vier Frauenhände. Miteinander – Gegeneinander. Marianne schiebt die jungen Finger immer wieder beiseite. Sie will sich alleine anziehen; gibt den hartnäckigen Helferhänden einen Klaps. Jetzt ihr lebendiges Gesicht, der Mund verzieht sich zum Lachen. Ihr erneuter Versuch, der abermals nicht gelingen will. Auch Cocco gibt nicht auf. Sie kniet vor Marianne, lacht selbst zu ihr empor und in die Kamera. Ihre Gestalt so hell wie ihre Haut vor dem grauen Wollstoff des Mantels. Marianne läßt sie endlich gewähren. Nur der Kragenknopf soll ihr allein gehören. Ihr Gesicht verzieht sich verschmitzt in theatralischer Selbstironie. Cocco beendet das Spiel. Marianne richtet sich würdevoll auf.

                Cocco geneigt vor Marianne. Sie versucht, eine schlecht sitzende Brosche an der weißen Bluse der Großmutter zu befestigen. Nicht das kleinste Fältchen soll zu sehen sein. Ihre Hände, die den Stoff sorgfältigglatt streichen, die Rundung von Mariannes Schulter umfahren. Der kleine Tennisschläger in Gold mit dem Perlenball sitzt jetzt perfekt. Mariannes Mund, konzentriert gespitzt über dem Geschehen. Ihr schön gealterter Hals in dem von Cocco geöffneten Kragen.

                Marianne geneigt vor Coccos aufrechtem Rücken. Sie löst ein geknotetes Oberteil, das die Enkelin über ihrem weißen Hemd trägt. Ihr breiter Ellenbogen, sein feines Faltengespinst vor dem bunten Muster des Tuchs. Der seidige Stoff in den ausgemergelten Händen, die das Dreieck nun straff um Coccos Taille spannen. Die schöne Schleife, die sie sorgfältig zaubern.

Eva Köstners Installation erschließt sich und uns eine eindringliche Sicht auf Strukturen, die, im engen familiären Verbund menschlicher Gemeinschaften gewachsen und dort über lange Zeiträume verfestigt, auch jenseits aller plötzlich über diese hereinbrechenden Geschehnisse oder Veränderungen Stabilität bewahren. Scheinbar banale Handlungen des Alltäglichen entpuppen sich, in der Zeitlupe vereindringlicht, als eine gestische Sprache, die ebenso vordergründig klare Botschaften vermittelt, wie tiefe Sinnschichten berührt.

Wolfgang beginnt, im Wissen um den nahenden Tod seiner Frau, die Verrichtung von Tätigkeiten zu übernehmen, die deren Rolle im Familienverbund seit Jahrzehnten definiert haben. Der Prozess seiner Vorbereitung auf eine existenziell neue Lebensform, seines allmählichen Hineinwachsens in ein Dasein ohne sie, bewegt nicht allein seine Gedanken, sondern vollzieht sich tatächlich auch körperlich. Die gestische Kommunikation des Paares erzählt die Geschichte seiner unmittelbaren Gegenwart und berührt uns womöglich mehr, als jedes gesprochene Wort es vermöchte. So behält Eveline, bei aller gewohnten Routiniertheit, mit der sie ihre Arbeiten verrichtet, Wolfgang nun doch auch stets mit im Blick. Selbst die Füße der beiden, in der Großaufnahme der ersten Sequenz ihres Films nahezu dialogisch isoliert, scheinen von Sicherheit und Unsicherheit, Zuwendung und Hinwendung, Übermittlung und Annahme zu 'sprechen'. Wie schwer es für Wolfgang werden wird, macht sein ungeschicktes Hantieren mit dem Tischtuch in der folgenden Szene bewußt. Im Einbrechen der bestürzend verändernden Gegenwart manifestiert sich zugleich aber auch ein Teil Vergangenheit. Wenn Eveline ihrem Mann im Garten resolut die Jacke säubert, wird nicht nur die große, längst selbstverständliche Nähe des Paares deutlich. Wie ein Kind läßt Wolfgang die Handlung über sich ergehen; man vermeint ihn plötzlich als kleinen Jungen zu sehen, seine Mutter mit der gleichen Verrichtung beschäftigt. Nach dem Tod seiner Frau ist Wolfgang allein. Ihr 'Fehlen' teilt sich uns nicht nur vordergründig in der unendlichen Mühe mit, die es ihn kostet, seine Anzüge in der vertrauten Ordnung zu verwahren. Die geduldige Ruhe, mit der er immer wieder auf's Neue sein Glück versucht, die ungebrochene Energie seiner Bewegungen lassen das Gelingen des neuen, anderen Lebens Gewissheit werden. In der letzten Sequenz scheint dann die Zukunft bereits begonnen zu haben. Wolfgang, um eine 'weibliche' Rolle ebenso beschwert wie bereichert, hat Evelines Tätigkeiten nicht nur übernommen, sondern sich diese tatsächlich 'männlich' zu eigen gemacht. Die kraftvollen 'Karateschläge' mit denen er die Sofakissen in ihre Ordnung zwingt, zeugen jedenfalls von einem Vergnügen, das auf den Betrachter überspringt.

Das Gestern ist zum Teil des Heute geworden.

Eva Köstner macht uns bewußt, dass die Gestik und Körperlichkeit unserer ganz alltäglichen Handlungen Botschaften enthalten, die uns auf einer sehr unmittelbaren Ebene ansprechen und erreichen. Man möchte gauben, dass sie ehrlicher sind, als unsere verbale Kommunikation, da sie, gerade in diesem, scheinbar banalen, Umfeld einer gedanklich gesteuerten Verfälschung kaum standhalten würden. Der Umstand, dass uns beim Betrachten der Szenen die Handelnden unwillkürlich ganz nah kommen, dass wir uns in ihren Verrichtungen plötzlich selbst widergespiegelt sehen, mehr noch, gleichsam mitvertraut aufgehoben fühlen, liegt allerdings nicht allein im mühelosen 'Verstehen' dieser körperlichen Erzählungen gegründet. Tatsächlich nehmen wir die Szenen nicht nur als Zeugen einzigartiger, individueller Schicksale und Geschehnisse wahr, sondern erkennen, dass es unsere eigene Sprache ist, welche die Bilder sprechen. Die spielerisch widerwilligen Bewegungen, mit denen Marianne Coccos Hilfe zurückweist, um ihre Autonomie zu behaupten, den Finger, den Wolfgang an die Lippen legt, um Evelines kritische Kommentare zum Schweigen zu bringen, immer wieder treffen wir auf Bestandteile einer gestischen 'Grammatik', die uns allen zu eigen ist und bei entsprechenden Gelegenheiten Anwendung findet. Die Fürsorglichkeit, mit der Cocco Mariannes Brosche befestigt und Bluse glattstreicht, erzählt nicht nur von Alter und Jugend, sondern entspricht körperlich der gleichen Hingabe, mit der die Großmutter das Oberteil ihrer Enkelin arrangiert. Evelines Bewegungen beim Säubern von Wolfgangs Jacke; Wolfgangs Bewegungen, wenn er seine Anzüge glättet; Coccos Hände auf Mariannes Kleidung; Marianne Hände auf Coccos Rücken; unsere eigenen Hände, so oft und immer wieder in all den Handlungen, die das nahe Zusammenleben menschlicher Gemeinschaften bestimmen.

Die aleatorische Verknüpfung der Bilder in immer wieder neuen Variationen läßt die momenthaften Gesten des Alltags als Elemente einer womöglich unbewußten, dafür jedoch umso fester im Körpergedächtnis des Menschen verankerten Kommunikationsform begreifen. Ihre eindringliche Dehnung in Zeitlupe transformiert sie zu Ritualen, denen eine symbolische Kraft anzueignen scheint. Die Gewissheit, dass sie uns unverbrüchlich von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft tragen werden macht uns zu Teilen einer immer währenden Ordnung, die Schutz und Geborgenheit verspricht. In einer Zeit, die nahezu ausschließlich auf kurzfristige, materiell messbare Erfolge ausgerichtet ist und in der oberflächliche Handlungsmuster und -normen als banale, ja fast bedrohlich beklemmende Surrogate verordnet werden, zeigt Eva Köstner, die sich seit Jahren intensiv mit der Sicherheit stiftenden Bedeutung von Ritualen auseinandersetzt, hier, im nahen familiären Verbund, eine Ebene auf, in der sie ihren ursprünglichen, glaubhaften Sinn bewahrt haben.

Caterina Maderna