Flexibilität 2

In einer eintägigen Performance, wurde eine freiwillige Gruppe von Bewohnern der Stadt dazu aufgefordert sich – je nach Wunsch paarweise oder mit mehreren anderen Personen – für die Dauer dieses Tages zu ‚verketten.

Flexibilität

Wie flexibel sind Menschen? Nach Richard Sennet ist Flexibilität die Schnittstelle der Elastizität und der Biegsamkeit jedes einzelnen Menschen in der Gesellschaft; das Zauberwort des globalen Kapitalimus, der auf kurzfristig nachweisbare Erfolge zielt. Es ist das Regime dieses Wirtschaftens, welches heute den flexiblen Menschen einfordert, der sich nicht nur immer wieder neuen Aufgaben stellt, sondern stets bereit ist, Arbeitsstelle, Arbeitsform und Wohnort zu wechseln, das heißt, sein ganzes Leben analog auf Kurzfristigkeit hin auszurichten und seine klassischen Vorstellungen vom Berufsleben aufzugeben. Familiäre und freundschaftliche Bindungen haben in solchen Strukturen keinen Platz mehr. Orte werden entwertet, da man in ihnen keine Wurzeln fassen kann und soll.

Da der menschliche Charakter jedoch existenziell der Erfahrung von Konstanten – Langfristigkeit und Verlässlichkeit – bedarf, um sich sinnvoll entwickeln zu können, muß er mit einer solchen Forderung zwangsläufig in Konflikt geraten.

Tatsächlich entsteht in der Folge dann auch nicht Flexibilität, sondern 'Drift', ein zielloses, da bindungsloses, Dahintreiben, welches – ganz im Gegenteil zu jener – eine zunehmende Statik des Geistes, Fantasielosigkeit und den Verlust jeglicher Kreativität mit sich bringt.

In der unmittelbaren Erfahrung der 'Verbundenheit' und der Sichtbarmachung dieses Phänomens liegt der Sinn der Performance.

Silberfädenverkettung

Die unterschiedlich langen, gehäkelten Schnüre aus Silberfäden lassen den auf diese Weise aneinander gebundenen Menschen grundsätzlich zwar nach wie vor alle Bewegungsfreiheit, ermöglichen zielgerichtete Wegstrecken, Handlungen, interaktive wie nach außen gerichtete Aktionen jedoch eben nur im Verbund. ‚Bindung’ wird somit – im tatsächlichen Wortsinn – auf eine unmittelbar körperlich spürbare Weise erfahrbar, der eigene Körper zum Teil eines zeitweilig untrennbaren Kollektivs gemacht. Der Einzelne wird durch die Grenzen, die ihm sein an ihn geknüpftes Gegenüber zwangsläufig auferlegt, seiner ihm sonst unbewussten Bewegungen und Handlungsmuster ebenso eindringlich gewahr, wie er am ‚eigenen Leib’ die Notwendigkeit erfährt, mit dem Partner zu kommunizieren, auf ihn einzugehen, von ihm abhängig zu sein, mit ihm ‚einig’ zu werden. Überdies bleiben die miteinander verketteten Menschen zwar fraglos nach wie vor eigenständige Individuen, von der Menge der übrigen, ‚ungebunden’ die Stadt bevölkernden Bewohner werden sie jedoch zwangsläufig als eine Art Gemeinschaftskörper, das heißt als Einheit wahrgenommen, welche sich als solche in ihrem Strom zu behaupten hat.

Die Beziehung des gebauten Körpers der Stadt zu den sich in ihm nach vertrauten Mustern bewegenden, miteinander kommunizierenden, handelnden Körpern ihrer Bürger soll auf diese Weise aufgespürt, Berührung und Distanz, Geborgenheit und Ausgegrenztheit, fruchtbarer Freiraum und Beengung als ambivalente Bestandteile des architektonisch gestalteten Stadtbildes, wie der Gefühle der es belebenden Menschen ineinander gespiegelt werden.

Das primäre Ziel des Projektes liegt in einer, ungeachtet seiner soziologischen Fragestellung vorwiegend spielerisch-performativen Bewusstmachung der unglaublich vielschichtigen Komponenten, welche einer städtischen Lebensgemeinschaft des Menschen zugrunde liegen:

Der ersehnten Bindung des Einzelnen an die Gruppe und seiner ‚Einbindung’ in die alltäglichen Handlungsmuster einer zivilisatorischen Ordnung, welche ihm Geborgenheit und Sicherheit bietet; Des Auslotens der Grenzen, innerhalb derer er dabei dennoch seine individuelle, einzigartige Persönlichkeit bewahren kann; Der Notwendigkeit der Wahrnehmung und Einbeziehung des Anderen, um dieses Eigene in Freiheit ausleben zu können; Des Zusammenspiels des eigenen Körpers und dessen gestischer Bewegung, mit denen der anderen Stadtbewohner; Des Potentials der darin enthaltenen nonverbalen Kommunikation; Schließlich der Bedeutung der Gestaltung der Stadt selbst, die, als ein ‚gebauter’ Körper, wenn sie den ästhetischen – und damit nicht zuletzt eben auch physischen – Bedürfnissen des Menschen nicht Rechnung trägt, als beklemmend empfunden, wenn sie ihnen entspricht von ihren Bewohnern jedoch als eine adäquate, schützende ‚Haut’ empfunden wird.