Caterina Maderna

Eva Köstner arbeitet mit Film und Video, Objekten und Zeichnungen.

Ihre unterschiedlichen Gestaltungsmedien konstituieren dabei keine isolierten, in sich abgegrenzten Welten, sondern greifen ineinander ein und über, schließen sich zu einer ungebrochenen, homogenen Ganzheit zusammen. Die Aura ihrer Filme findet sich in vielen Objekten verdichtet, ihre Zeichnungen erwecken jene im Kontext komplexer Bilder zum Leben.


Theoretisch setzt sie sich seit Jahren mit dem Begriff der ‚Utopie’ auseinander, welche sie, mit Jacques Derrida – im Gegensatz zur ‚Vision’ –, als fest in der Gegenwart, in den Strukturen der menschlichen Gemeinschaft verankert begreift. Sie entwirft keine illusionistische ‚bessere Welt’, die in einer fernen, möglicherweise nie gegenwärtigen Zukunft liegt, sondern schärft unsere Blicke auf das ‚Jetzt’, auf unsere Lebenswelt, unsere Verhaltensmuster, Gewohnheiten, Requisiten und Rituale. Sie hinterfragt die kulturellen Ordnungen, die der Mensch in dem ihm eigenen Drang entwirft, seiner Existenz einen tieferen Sinn sowie seiner Stellung und Rolle in der Gesellschaft Sicherheit zu verleihen. Sie spürt dem Wesen dieser Ordnungen nach und zeigt deren Schattenseiten und Gefahren dort auf, wo allzu rigide Grenzen oder mechanistische Regeln zu sinnentleerten Mustern mutieren, welche Geborgenheit suggerieren, tatsächlich jedoch zu hohen, scheinbar unüberwindlichen Gefängnismauern mutieren, welche der Freiheit des Denkens und Handelns, der schöpferischen Kreativität als starre Blockaden keinen Einlass mehr gewähren.


Ungeachtet des Interesses der Künstlerin an philosophischen, soziologischen, literarischen sowie kunsttheoretischen Entwürfen und Modellen der menschlichen Lebensgemeinschaft begegnen uns ihre Werke allerdings keineswegs in der distanzierten Gestalt theoretischer Konstrukte oder rein intellektueller Versuchsanordnungen. Reflexionen des amerikanischen Soziologen und Kulturtheoretikers Richard Sennett, der den Modebegriff der ‚Flexibilität’ als Forderung eines auf rein wirtschaftliche Erfolge hin ausgerichteten globalen Kapitalismus entlarvt und den damit einhergehenden Verlust lebensnotwendiger menschlicher Konstanten anprangert, finden bei ihr beispielsweise Eingang in das Projekt einer mehrtägigen Performance, in der freiwillige Versuchspersonen, durch gehäkelte Silberfäden aneinander ‚gekettet’, Bindung im tatsächlichen Wortsinn mit- und aneinander erfahren. In den technoiden Bauten von bestechend klarer architektonischer Schönheit, welche, im harmonischen Verbund mit der Natur, die Lebenswelt ihrer gezeichneten ‚Heldinnen’ prägen, spiegeln sich Vorstellungen des 1919 von Walter Gropius gegründeten und seit 1925 so genannten ‚Bauhaus’ wider. In der komplexen, rein körperlich-gestischen Annäherung dreier junger Frauen in ‚Video 4’ wird die tastende und doch zunehmend intensive Suche des Menschen nach neuen Möglichkeiten und Formen interaktiver Kommunikation jenseits aller bekannten Ordnungen und vertrauten Spielregeln auf eine sehr sinnliche Weise als Eigenart seines Wesens bewusst gemacht. Eine traditionelle Facette weiblicher Rollenmuster nimmt die Gestalt einer Bettjacke an, deren außen weich aufgeplusterte, Schutz versprechende Wattierung im Inneren mit spitzen Nadeln gespickt den schmerzhaften Panzer in der kleinkindhaften Hülle bloß legt.


Eva Köstners visualisierte Utopien richten sich stets in einer sinnlichen Sprache an uns, deren Ausdruckskraft und Eindringlichkeit ganz unmittelbar in der künstlerischen Ästhetik ihrer Gestaltungen selbst gründet. Idee und Form, Gedanke und Emotion bilden einen symbiotischen Verbund, der uns ohne Umwege auf der direkt zugänglichen Ebene der reinen Wahrnehmung erreicht. Die Botschaften der Werke enthalten keine vordergründigen, plakativen ‚Wahrheiten’. Nie geht eine ideologische Belehrung von ihnen aus. Sie fordern, von einer stets vielschichtigen Hintergründigkeit geprägt, eher zum Innehalten, zum Erstaunen, zum Nachdenken auf. Scheinbare Gegensätze erzeugen in ihrem Verbund eine Spannung, der man sich nicht entziehen kann. Formale wie inhaltliche Ambivalenzen verstören unsere Wahrnehmungs- und Assoziations-gewohnheiten und öffnen in der Folge den Blick für neue Perspektiven und Möglichkeiten.


Diese sieht Eva Köstner vor allem im Potential der schöpferischen Kreativität des Menschen selbst. In seiner zwar gelegentlich verschütteten, jedoch letztendlich unauslöschbaren Sehnsucht nach Freiheit. In seinem Vermögen, alles Bestehende zu hinterfragen, in seiner ihm angeborenen Freude am Spiel. Auch die Künstlerin nimmt an diesem Spiel, nicht selten mit einem Augenzwinkern, bewußt selbst Teil. In ihren Zeichnungen lassen uns manche Aktionen ihrer ebenso sanft-gelassenen und würdevoll-gleichmütigen, wie gefährlich-zerstörerischen Heldinnen schmunzeln; in ihrer Objektserie ‚Strapse für Geweihe’ wird die ganz spezielle männliche Aura von Jagd- und Herrenzimmern auf groteske und doch humorvolle Weise wie eine Trophäe an die Wand genagelt; in ‚Video 5’, 'Hitchcocks Vorhang' verunsichert sie die mit unserer Wahrnehmung verknüpften Emotionen und Assoziationen in einem geheimnisvollen Verwirrspiel; in ihrem unlängst fertig gestellten Buchstabentrickfilm ‚Habe meine Identität in einem Label …’ werden die vielfältigen Wort- und Gedankenhülsen unserer auf Stil und Konsum ausgerichteten Gesellschaft ebenso vergnüglich der Lächerlichkeit preisgegeben, wie der Verlust von Authentizität und wirklicher Individualität mit schmerzender Intensität bewusst gemacht.


Stets steht der Mensch für Eva Köstner im Mittelpunkt. Ihm widmet sie sich mit einer unbestechlich präzisen, dabei jedoch stets subtil auslotenden Beobachtungsgabe, welche frei von jeglicher Anklage ist. In der vertraut-vertrauensvollen gestischen Sprache der Paare ‚Eveline & Wolfgang, Cocco & Marianne’ in ‚Video 6’ finden wir uns selbst, den Schutz unserer familiären Verbünde, die tatsächlich spürbaren Botschaften unserer sinnvollen rituellen Handlungen an- und miteinander wieder. In unserem ‚Mensch-Sein’ werden unsere kostbarsten Fähigkeiten – die uns gegebene Möglichkeit der Wahl verschiedener Wege, die Freiheit zur Entscheidung und die Kraft, immer wieder neue, sinnstiftende Ordnungen zu schaffen, aufgedeckt. In unserem Wesen unverbrüchlich verankert, versprechen die Utopien Eva Köstners mehr, als nur Hoffnung.